Was #bloggerlife mit mir (uns) macht

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich jetzt bei Instagram. Mein Blog ist vor zwölf Monaten online gegangen. Seitdem hat sich mein Leben ganz schön verändert. Schön? Naja, ob alles wirklich so schön ist, darüber kann man sicher diskutieren. In diesem Beitrag werfe ich einen (selbst)kritischen Blick auf mein erstes Social-Media-Jahr und wie es für mich weitergeht.

IMG_4711

Wenn ich mir ansehe, wie lange viele schon bloggen, dann bin ich wirklich ein echter Neuling. Egal, besser spät als nie. Wie alles anfing, das habe ich …hier beschrieben.

Fest steht: Das #bloggerlife nimmt inzwischen einen großen Teil meiner Freizeit ein. Ich hänge häufiger am Smartphone und am Laptop, als es mir manchmal recht ist. Anstatt zu lesen oder ins Fitnessstudio zu gehen, schreibe ich nun Beiträge. Anstatt zu lesen, wische ich nun durch Fotos aus aller Welt. Demnächst möchte ich wieder häufiger zum Buch greifen und zum Sport gehen. Das bedeutet: Ich werde weniger digital unterwegs sein und wieder mehr analog.

IMG_4713

Instagram und Blogs lassen uns an fast allem teilhaben: Hochzeiten, Schwangerschaften, Geburten, Jobverluste, Depressionen. Wir freuen uns über Abnehmerfolge, bestandene Mutproben, reisen mit Aussteigern um die Welt, haben Mitleid mit unter Schlafentzug leidenden jungen Eltern. Ich schwanke oft zwischen Be- und Verwunderung darüber, was manche weltweit öffentlich machen und wie viel sie von sich preisgeben.

IMG_4717

Unser Alltag hat sich verändert: Fast alles wird im (bewegten) Bild festgehalten. Bevor wir essen, fotografieren wir. Ehe wir uns aufs Hotelbett fallen lassen, fotografieren wir. Wir stehen extra früh auf, weil dann eine Sehenswürdigkeit noch nicht überlaufen oder das Licht besonders gut ist. Wir legen uns auf die Straße, weil dort die Perspektive am besten ist. Nebenbei wird noch alles gefilmt und dann womöglich unverzüglich auf allen möglichen Kanälen in die Welt gesendet. Jetzt mal im Ernst: ’n bissken bekloppt is dat schon, oder?!

Von diesem Virus war ich eine Zeitlang auch infiziert. Zum Glück aber nur etwas. Ich esse nämlich gern, solange das Essen noch warm ist, und außerdem bin ich ja nur bei Instagram und nicht noch bei Facebook, Twitter, Pinterest, …

Trotzdem war es meiner Familie schon zu viel: Meine Tochter beschwert(e) sich darüber, dass die Mama jetzt immer und überall nur noch Fotos macht. Und mein Mann fühlt sich zum Fotoassistenten degradiert, der immer dann einspringen muss, wenn ich mit der Technik nicht klarkomme oder mit auf dem Bild sein möchte.

Damit soll jetzt Schluss sein. Nicht mit dem Fotografieren und Bloggen – aber mit dem übertriebenen, fast schon zwanghaften Dokumentationswahn. Muss man immer das Smartphone zücken und wertvolle Zeit verschleudern für Videos, die auf Insta-Stories schon nach 24 Stunden wieder vom Bildschirm verschwunden sind? Ich werde mir das zukünftig genauer überlegen.

IMG_4722

Zugegeben: Ich schaue mir gern Fotos von schönen Urlaubsorten an. Es gibt sie bei Instagram zuhauf. Wovon ich jetzt aber wirklich genug habe, das sind diese Fotos von üppigen Frühstückstischen am Pool oder im Hotelzimmer mit Aussicht. Gibt es etwas Gestellteres? Latte Macchiato und Orangensaft, Waffeln mit Sahne, Rührei mit Speck, Croissants und Muffins, Toast mit Marmelade, Pancakes mit Obst, Müsli mit Joghurt … – so viel isst doch keine(r)! Nach dem Foto wird das meiste wahrscheinlich zurück in die Küche gegeben und entsorgt. Ein Jammer!

IMG_4727

Eines verstehe ich nicht: Da hat jemand 21.483 Follower bei 26 völlig durchschnittlichen Beiträgen und es ist offenbar kein Prominenter. Mich macht das misstrauisch. Gekaufte Anhänger? Likes for likes? Oder ist es normal, dass Leute, deren Fotos – bei allem Respekt – total uninteressant sind, so viele Abonnenten haben? Vielleicht haben sie aber auch einfach ein Ultra SEO …

IMG_4730

Da ist zum Beispiel diese junge, hübsche Modebloggerin, die sehr fleißig und ziemlich professionell ist. Neben ihrem Job studiert sie die neuesten Trends, lässt sich aufwändig fotografieren und schreibt viel auf ihrem Blog. Obwohl noch gar nicht so lange dabei ist sie schon sehr erfolgreich. Woran ich das merke? Nicht nur an ihren kontinuierlich steigenden Follower-Zahlen, sondern auch daran, dass sie jetzt ständig #werbung postet.

Tut mir leid: Bei #werbung schalte ich gedanklich sofort ab. Aber ich habe den Eindruck, dass #werbung im letzten Jahr deutlich zugenommen hat. Blogs und Instagram werden immer professioneller und kommerzieller. Viele verdienen damit ihr Geld und sind auf Kooperationen angewiesen. Allerdings: Die damit verbundenen weichgespülten Texte (und manchmal sehr, sagen wir, „kreativen“ Aufhänger) nerven mich. Wie traumhaft, praktisch, stylish und was weiß ich noch das alles dann auf einmal ist … Auf mich wirkt das oft nicht besonders authentisch. Ich jedenfalls finde Beiträge über selbst Bezahltes wesentlich glaubwürdiger.

IMG_4734

Letztens hat jemand eine Frage in die Instagram-Runde geworfen: „Lest ihr eigentlich noch Blogs?“ Das ist sicher eine berechtigte Frage. Wir wollen immer weniger lesen, gucken uns stattdessen lieber eine Insta-Story oder ein Youtube-Video an. Wahrscheinlich ist schon der Klick auf #linkinbio noch zu umständlich.

Es kommt mir so vor, dass viele Blogs nach und nach einschlafen, wenn die Autoren nicht mit sehr viel Enthusiasmus bei der Sache sind. Das finde ich wirklich schade. Ich habe gerade erst angefangen und will auf jeden Fall weiter schreiben. Auch für mich.

IMG_4739

Manchmal wünsche ich mir, dass wir alle weniger posten, achtsamer genießen und Erlebnisse in unserem nicht-virtuellen Gedächtnis abspeichern. Man muss doch nicht jeden Winkel der Welt schon vorab gesehen haben, oder? Und wie sehr kann man sich freuen, wenn man durch Zufall selbst ein tolles Restaurant entdeckt hat und nicht dem Geheimtipp eines selbst ernannten Insiders gefolgt ist?

In diesem Sinne: Auf ins nächste Social-Media-Jahr!

Was mich jetzt total interessiert: Wie denkst du darüber?
Über einen Kommentar würde ich mich wirklich freuen!

P.S.
Von der Idee zu diesem Beitrag bis zur Veröffentlichung sind einige Tage vergangen. In dieser Zeit habe ich u.a. mit einem neuen Buch angefangen, Yoga gemacht, war im Schwimmbad und beim Italiener … und nichts davon habe ich gepostet. Geht doch! 😉

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare


  1. // Antworten

    Nicht jedes Essen wird fotografiert, manchmal vergesse ich es sogar schlichtweg und auch auf Instagram poste ich nicht täglich etwas. Wenn ich unterwegs bin, dann aber u.U. schon mal 3, 4 oder 5 Fotos an dem Tag. Der Blog, und dafür fotografiere ich in der Regel mit der größeren Kamera, ist für mich so eine Art Jahresrückblick. Klar auch schon mal gesponsert, wenn es sich ergibt, aber am Ende des Jahres selbst zurückblicken zu können auf Ereignisse, die man vielleicht sogar schon wieder verdrängt hatte macht mir einfach Spaß. Man darf die SocialMedia Kanäle nur nicht zu Ernst nehmen. Heute mal 3 Posts, morgen dafür keinen. Alles Hobby, Freizeit und ab und zu mal was gesponsertes (wenn es sich ergibt).

    LG MIchael


    1. // Antworten

      Gute Einstellung! Alles nicht zu ernst nehmen – das hilft in vielerlei Hinsicht.
      Danke für deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *