Meine Flucht nach China

Zu Beginn des Jahres 2000 war ich so richtig „durch“. Damals sprach kaum jemand von „Burnout“, aber auf mich hätte es wahrscheinlich zugetroffen. Privat lief nicht alles so, wie ich es mir gewünscht hätte. Im Job war ich sehr unzufrieden. Ich hatte seit einigen Monaten einen neuen Vorgesetzten, eine echte „Luftpumpe“: viel heiße Luft und viel Wirbel um nix. Damit kam ich total schlecht klar.

Mein „Oberchef“, der Geschäftsführer, wusste davon. Mit ihm konnte ich darüber durchaus sprechen. Er zeigte mir damals die drei Alternativen auf: „Love it, change it oder leave it!“ – Love it: Das schaffte ich beim besten Willen nicht. – Change it: Ich hätte nicht gewusst wie. – Blieb also nur: Leave it.

Tatsächlich fing ich an, Stellenanzeigen zu sichten und Bewerbungen zu schreiben. Schneller als erwartet war ich erfolgreich und fand einen neuen Job. Als ich kündigte, erfuhr ich, dass „Luftpumpe“ auch gehen würde. Man hätte doch über Veränderungen sprechen können, ließ mich die Geschäftsführung wissen. Zu spät.

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Weil mir noch Urlaub zustand, blieb mir eine freie Zeit von etwas mehr als zwei Wochen zwischen dem Ausscheiden aus dem alten und dem Beginn des neuen Jobs. Was sollte ich in dieser Zeit tun? Meine Fluchtgedanken konkretisierten sich schon bald in vier Worten: ICH MUSS HIER WEG! Doch so spontan wie ich hatte keiner in meinem Umfeld Zeit für Urlaub, auch nicht mein damaliger Freund und heutiger Mann. Ich musste also allein verreisen.

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Als wäre es gestern gewesen erinnere ich mich noch an die Suche nach meinem Reiseziel. Ich rief einfach im Reisebüro meines Vertrauens an, gab den Reisezeitraum an und sagte: „Bitte so weit weg wie möglich, meinetwegen auch Asien.“ Ein paar Tage später faxte mir die Mitarbeiterin drei Vorschläge für Rundreisen in Asien. Ohne zu zögern entschied ich mich für „China Express“ und saß schon kurze Zeit später im Flieger Richtung Shanghai.

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Ich wollte immer nach China, insofern passte das wunderbar. Während der Rundreise war ich Teil einer Reisegruppe und hatte als Alleinreisende ein „halbes Doppelzimmer“ gebucht. Das war ziemlich mutig und hätte total in die Hose gehen können. Aber ich hatte Glück: Beate, nur wenig älter als ich, war „die andere Hälfte“ und wir verstanden uns auf Anhieb. Alle Mitreisenden waren sehr verwundert, als sie von unserer Zufallskombination hörten, weil sie glaubten, wir hätten uns schon vor der Reise gekannt.

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Ich will hier keine einzelnen Reiseerlebnisse schildern. Wenn es nicht schon so lange her wäre, würde ich daraus einen eigenen Blogbeitrag machen. Aber seit 2000 hat sich China bestimmt so gewaltig verändert, dass nichts davon mehr aktuell wäre. Aber was ich von dieser Reise persönlich mitgenommen habe, das fasse ich hier kurz zusammen:

  1. Ich habe mir einen Wunsch erfüllt.
    „Einmal auf der Chinesischen Mauer stehen“ – das stand auf meiner Liste der Dinge, die ich im Leben auf jeden Fall  mal getan haben wollte. Dass ich mir diesen Wunsch so schnell und so plötzlich würde erfüllen können, das hätte ich allerdings nicht gedacht. Aber so ist das wohl: Unverhofft kommt oft. Der Bund in Shanghai, die Kegellandschaft bei Guilin, die Terrakottaarmee in X’ian und der Platz des Himmlischen Friedens in Peking waren zusätzliche Highlights.
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  2. Ich war mutig.
    Ohne eine vertraute Person verreisen? In ein Land, das im Jahr 2000 ein doch eher ungewöhnliches Reiseziel war? Ich finde, das war schon auch ein bisschen mutig. Hinzu kommt, dass ich mich einige Male komplett von meiner Gruppe gelöst habe und allein unterwegs war. Ich habe zum Beispiel den freien Abend nur für mich genutzt und bin in der Nähe des Hotels spazieren gegangen. Ein anderes Mal habe ich als einzige nicht an einem fakultativen Ausflug teilgenommen und bin stattdessen bummeln gegangen (in einer Stadt, außer mir keine andere Langnase unterwegs war). Hätte ich mich verlaufen, wäre ich ziemlich verloren gewesen: Mit Englisch kam man damals nicht weit. Aber ich habe einen guten Orientierungssinn und habe mir selbst vertraut. Noch gut erinnere ich mich, wie stolz und beseelt ich war, als ich wohlbehalten ins Hotel bzw. zum Treffpunkt zurückkehrte.
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  3. Ich habe eine völlig fremde Kultur kennengelernt.
    China, das ist schon eine komplett andere Welt. Es fängt bei der Sprache an, geht über das Essen, die Lebensumstände in den Millionenstädten, die Zustände öffentlicher Toiletten (ekelhaft) und das Aussehen seiner Einwohner. Ich als blonde Langnasin bin dort aufgefallen wie ein bunter Hund. Oft umarmten mich Chinesen ungefragt für ein Foto. Auf den Märkten gab es Sachen, die in Europa niemals angeboten werden würden. Ich habe Armut gesehen, die mich sehr nachdenklich gemacht hat. Wie merkwürdig und schrill eine Peking-Oper ist, das weiß ich jetzt. Und dass ich mich nach fast zwei Wochen sehr guter chinesischer Küche echt richtig über das goldene M in Peking gefreut habe!
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  4. Ich habe keinen Durchfall bekommen. Als einzige aus der Reisegruppe!
    Es ist wirklich wahr: Alle Mitglieder meiner Reisegruppe hatten Durchfall. Ich war die einzige Ausnahme, obwohl ich sogar in einer Garküche auf der Straße gegessen hatte. Wie ich das geschafft habe? Das Geheimnis war wahrscheinlich der Schnaps. Der Empfehlung eines früheren Reiseleiters folgend – „Nach dem Essen immer schön desinfizieren!“ – hatte ich mir am ersten Tag im Hotelkiosk eine Flasche chinesischen Schnaps gekauft. Das Zeug war ziemlich stark und schmeckte fies. Aber ich hatte es immer bei mir und nahm einen Schluck nach jeder Mahlzeit. Anscheinend hat es funktioniert!
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  5. Ich bin meinem Gefühl gefolgt.
    Irgendwie hatte ich anscheinend eine Intuition, dass mir diese besondere Auszeit gut tut. Es war ein ziemlicher Schnellschuss und wenig rational. Der Entschluss kam aus dem Bauch heraus – und das waren bei mir oft die besten Entscheidungen. Natürlich bin ich in vielen wichtigen Dingen auch besonnen und wäge Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken sorgsam ab. Doch wie oft entscheidet das Bauchgefühl mit und liegt dann auch richtig? Ich kann sagen, dass ich mich schon häufig auf mein Gefühl verlassen habe und im Nachhinein darüber auch sehr glücklich bin. Das gilt auch für diese wunderbare Reise (nur für mich und auch ein bisschen zu mir selbst).
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Meine „Flucht“ nach China war ein großes Abenteuer und zu diesem Zeitpunkt das Beste, was mir passieren konnte. Ich bin so froh, dass ich es damals genau so gemacht habe! Noch heute – fast 17 Jahre später – denke ich regelmäßig an diese besondere Zeit zurück. An die schwierigen Wochen und die schönen. Aber mehr an die schönen!

 

Zum Schluss eine Bemerkung zu den Fotos: 

Ich war 2000 in China. Gab es da schon Digitalkameras? Wenn ja: Ich hatte noch keine. Die Fotos in diesem Beitrag sind ich aus meinem Fotoalbum abfotografiert. Denn ganz ohne Bilder wollte ich diesen Text nicht veröffentlichen.

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