Ruhrgebiet: Wirklich so potthässlich?

Vor einiger Zeit kam ich in einem Geschäft mit einer Frau ins Gespräch. Ihr Akzent verriet, dass sie nicht ausm Pott ist, sondern aus Norddeutschland. Ich erfuhr, dass sie aus der Nähe von Bremen kommt, seit einigen Jahren in Oberhausen lebt und sich dort nicht besonders wohl fühlt. Die Frau erzählte: „Meine Nachbarin meint: ‚Oberhausen hat auch schöne Ecken.‘ Ich sage dann immer: ‚Bitte zeige sie mir.'“ Sie müsse noch ein paar Jahre arbeiten, ließ mich die Norddeutsche wissen, werde im Ruhestand aber auf jeden Fall in ihre Heimat zurückkehren.

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Eine andere Anekdote. Wir hatten übers Wochenende Besuch von einem Bekannten aus Franken – sein erstes Mal im Pott. Gemeinsam sahen wir uns die „Klassiker“ an: Bergbaumuseum, Zeche Zollverein, Landschaftspark Duisburg-Nord, Tiger & Turtle. Mit zwei Eindrücken fuhr unser Gast zurück nach Bayern: Im Ruhrgebiet gibt es keine Altstädte und es ist grüner als gedacht.

Ich kam ins Grübeln. Ist unser Revier wirklich so potthässlich?

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Das Ruhrgebiet ist meine Heimat. Ich bin hier geboren, zur Schule gegangen, habe hier studiert und immer in Ruhrgebietsstädten gearbeitet. Nach dem Studium wäre ich für (fast) jeden Ort der Welt offen gewesen. Doch der Zufall – oder das Schicksal?! – wollte es wohl, dass ich im Pott bleibe.

Mit dieser Biografie bin ich sicher nicht objektiv. Natürlich sehe ich, dass es hier ziemlich viele schmuddelige, hässliche, vergammelte Ecken gibt. Aber die gibt es anderswo auch. Wir im Pott sind noch immer von Industrie umzingelt, obwohl das Ruhrgebiet ja mitten im Strukturwandel (fest)steckt. Und wie, bitteschön, soll es bei uns Altstädte geben, wenn nahezu die komplette Region im Krieg total zerbombt wurde?!

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Was die Menschen angeht, da lass ich ma nix drauf kommen. Der „typische“ Ruhri ist schon ein besonderer: aufgeschlossen und direkt, manchmal auf Kriegsfuß mit Dativ und Genitiv („der Omma sein Radio“ / „ich geh gez im Garten“), freundlich und hilfsbereit. Mir ist aufgefallen, dass ich oft ganz unvermittelt mit wildfremden Menschen ins Gespräch komme. Im Kino oder Bistro, im Eiscafé oder in der Pizzeria sitzen wir in trauter Nachbarschaft: Arbeiter und Akademiker, Eingeborene und Migranten. Eine interessante Mischung, die manchmal urkomische Szenen liefert. Herbert Knebel, Doktor Stratmann & Co. sind nicht umsonst so erfolgreich – sie beobachten uns Ruhris einfach im Alltag und können das authentisch und pointiert auf der Bühne präsentieren.

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Ich gebe zu: Manchmal flüchte ich mich nach Düsseldorf. Im Vergleich zum Ruhrgebiet ist Düsseldorf wie eine andere Welt. Reiche Landeshauptstadt eben: insgesamt gepflegter, ein anderes Publikum, ein anderes Angebot. Aber anders muss nicht unbedingt besser sein. Würde ich in Düsseldorf leben wollen? Ich weiß nicht. Von einigen, die aus dem Ruhrgebiet in eine scheinbar „schönere“ Gegend gezogen sind, habe ich gehört, dass sie sich dort nicht wohlfühlten und letztlich zurück in den Pott kamen. Sooo schlimm ist es hier gar nicht! 🙂

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Wenn ich aus dem Urlaub zurückkomme, muss ich manchmal innerlich den Kopf über das schütteln, was ich hier im Pott so sehe. Ich wünsche mir dann immer häufiger einen „Aufbau West“. Fest steht: Auch Nordrhein-Westfalen und insbesondere das Ruhrgebiet hätten eine Finanzspritze und „blühende Landschaften“ verdient!

Der Pott hat für mich jedenfalls seinen ganz eigenen Charme. Das lässt mich über manche schäbige Ecke hinwegsehen. Und die gibt es doch in jeder Stadt, oder?!

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Wohnst du im Pott? Immer schon oder zugezogen? Wie ist deine Meinung über unser Revier? Ich freue mich auf deinen Kommentar!

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